Geschichte des BeraLab

2007: Wie an der Uni Tübingen alles begann

Den Anfang machte die Arbeitsstelle für Beratungsforschung am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen. Das Konzept einer Lehrberatungsstelle mit Schauspieler:innen habe ich gemeinsam mit Maja Heiner entwickelt. Sie hatte damals viel Verständnis für die Ideen ihres frischgebackenen wissenschaftlichen Assistenten, die an einer Traditionsuniversität eher ungewöhnlich waren. In Zusammenarbeit mit der Theaterpädagogin Uschi Farmers entstanden die ersten Fallvignetten, verschiedene Rückmeldeformate aus Sicht der Simulationsadressat:innen und ein eigenes Format der Ausbildungssupervision für die Videoaufnahmen.

Nach Maja Heiners Ruhestand führte Petra Bauer die Arbeitsstelle fort und gab mir die Möglichkeit, das Konzept weiterzuentwickeln. In dieser Zeit entstand unter anderem die Tübinger Beratungskompetenz-Skala (TBKS). Das hoch inferente Instrument zur Erfassung von Beratungskompetenz liefert psychometrisch belastbare Daten und passt exakt zur Analyse und Reflexion der aufgezeichneten Übungsgespräche.

Ein weiterer Schwerpunkt meiner Tübinger Zeit war das Projekt „Studienbegleitendes Praktikum im Studium der Sozialpädagogik“. Ausgewählte Studierende absolvieren ihr ganzes Studium hindurch ein Teilzeitpraktikum in einer Onlineberatungsstelle für suizidale Jugendliche (youth-life-line.de) und erhalten hier früh eine beraterische Basisausbildung. Diese Beratungsstelle habe ich für den Arbeitskreis Leben aufgebaut. Auch dieser erfahrungsorientierte Lernzugang liefert wertvolle Daten zu den frühen Stadien beraterischer Expertise. Über diesen Abschnitt der Berufsbiografie gibt es bis heute viele didaktische Vermutungen, aber wenig Wissen.
2014 habe ich einen Ruf auf meine erste Professur angenommen und Anke Leuthold-Zürcher, Moritz Puppel und Eva Maria Lohner haben in Tübingen weitergemacht. Heute führt Petra Bauer die Arbeitsstelle gemeinsam mit Lena Golomb und Eva Maria Lohner weiter, die vor Kurzem als Professorin an die EH Ludwigsburg berufen wurde. Mit Petra Bauer und Eva Maria Lohner verbindet mich eine enge, jahrzehntelange Kooperation mit zahlreichen gemeinsamen Projekten in Forschung und Lehre.

2014 bis 2020: Das Kind bekommt in Darmstadt seinen Namen

Ruf und Umzug Nummer eins führten mich an die EH Darmstadt, wo ich die Professur für Psychosoziale Beratung übernahm. Das Konzept zog mit um, und ich habe es gemeinsam mit dem Theaterpädagogen Klaus Lavies sowie den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Marlene Henrich und Rebecca Hilzinger weiterentwickelt. In Darmstadt erhielt es auch seinen heutigen Namen: BeraLab. Das BeraLab wurde systematisch im Masterstudiengang Psychosoziale Beratung mit integrierter Weiterbildung Systemische Beratung (DGSF) eingesetzt. Da viele Studierende im Laufe ihres Studiums mehrfach ins BeraLab kamen, ließen sich Professionalisierungsprozesse erstmalig über den gesamten Studienverlauf mit BeraLab-Daten modellieren. Ein Spin-off der Darmstädter Zeit war außerdem das gemeinsam mit Jochen Leucht entwickelte Modellcurriculum Systemische Beratung für die DGSF, das die traditionelle Fallberichtslogik durch die Arbeit mit Videographien des eigenen Beratungshandelns ergänzt hat.

2020 bis 2024: Neue Ensembles und die virtuelle Gemeinde Sorgstadt an der Uni Trier

Rufannahme und Umzug Nummer zwei führten mich an die Universität Trier, wo ich die Professur für Sozialpädagogik übernahm. Dort habe ich das BeraLab mit Rebecca Hilzinger, Maja Michel und Anne-Kathrin Schmitz erneut weiterentwickelt. Mit Lisa Höpel gab es erstmals eine fest angestellte Theaterpädagogin. Eingesetzt wurde das BeraLab in Trier vor allem im Bachelorstudium. Für die frühen Phasen der Studienbiografie entstanden Reflexionsinstrumente für die Portfolioarbeit (z. B. die Reflexion „besondere Momente“).
Auch auf der Simulations-Bühne wurde es voller: Zum Ensemble jugendlicher Simulationsadressat:innen kamen ein Kinder- und ein Erwachsenenensemble hinzu. Das Kinderensemble entstand in den Projekten KidsLab und KidsLab+, gefördert von der Nikolaus-Koch-Stiftung. Die Simulationsumgebung wuchs zur virtuellen Gemeinde Sorgstadt heran, unter anderem als Spin-off der Vignettenstudie SoHiKis (Sozialpädagogische Hilfen aus Kindersicht). Als die Pandemie die Seminarräume leerte, wurde das BeraLab zum Videoberatungslabor und kam im BMBF-Projekt STellaR und der zugehörigen Dissertation von Anne-Kathrin Schmitz zum Einsatz. Die Videoberatung ist neben der Präsenzberatung als Setting geblieben, zusammen mit der Entwicklung von synthetischen Adressat:innen ist das BeraLab gerüstet für Beratung und Beratungsprofessionalisierung in einer Kultur der Digitalität.

Seit 2024: Mehr Gesprächsführung, mehr Sorgstadt und mehr Digitalität an der JGU in Mainz

Rufannahme und Umzug Nummer drei führten mich an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Dort bin ich heute Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik. Das BeraLab kam natürlich wieder mit, und nicht nur das: Auch ein großer Teil meines Trierer Teams wechselte nach Mainz. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Gemeinsam mit Stefanie Neumaier, Anne-Kathrin Schmitz, Marlene Wicker und unserer Theaterpädagogin Lisa Höpel erweitere ich das Konzept nun systematisch um neue Komponenten der Gesprächsführung. Dazu gehören die Simulation von Hilfeplangesprächen, der passende Ausbau von Sorgstadt, die Weiterentwicklung der synthetischen Adressat:innen als Ravatar (Ratsuchenden-Avatar) und das Einrichten dieser Webseite, die erstmalig vieles bündelt und damit die Nutzung des BeraLabs über verschiedene Standorte hinweg vereinfachen soll.